Wenn Steine Geschichten erzählen, lockt das auch Weltenbummler ins Muldenland
Es war ein Mittwoch der ganz besonderen Art im Geopark Porphyrland: GeoRangerin Natasha durfte einen wahren Experten und Weltenbummler auf dem Bismarckturm in Dehnitz begrüßen. Der „Bismarckturm-Fotograf“ Richy Oelke war extra nach Sachsen gereist, um seinen 131. Bismarckturm fotografisch in Szene zu setzen. Wer nun an einen gewöhnlichen Ausflügler denkt, irrt gewaltig: Richy, der darauf besteht, beim Vornamen genannt zu werden, ist passionierter „Bismarckturm-Sammler“, der für seine außergewöhnliche Leidenschaft bereits fast die ganze Welt bereiste.
Auf dem Wachtelberg steht Bismarckturm Nr. 131
Geboren in Dessau, in Kelkheim im Taunus beheimatet und als Klempner arbeitend, ist Richy seit rund 25 bis 30 Jahren in Sachen Bismarcktürme auf Achse. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder – wie bei diesem Besuch – mit dem Auto: Er reist unermüdlich den historischen Denkmälern hinterher. Der Dehnitzer Wachtelbergturm markierte dabei die Nummer 131 auf seiner weltweiten Fundliste. Im Gepäck bzw. auf dem Handy hat er seinen riesigen Pool an beeindruckenden Bildaufnahmen. Jörg Bielefeld, der Betreiber des umfassenden Online-Archivs bismarcktuerme.net, schöpft aus diesem Bilderpool. Richy dagegen nutzt die Infos von Bielefelds Seite: „es ist ein Geben und Nehmen.“
Erzählt Richy von seinen Touren, sprudeln die Erlebnisse nur so hervor: von teilweise durchrosteten Treppen im Inneren der Türme, von abenteuerlichen und doch zu überwindenden Absperrungen und, was ihn besonders freut, von immer wieder netten Menschen vor Ort, die kurzerhand den Schlüssel zücken, aufschließen und mit packenden Anekdoten das jeweilige Bauwerk lebendig werden lassen.
Rund 175 Türme weltweit – und einige harte Nüsse
Weltweit gab es einst rund 243 errichtete Bismarcktürme, von denen heute noch 175 erhalten sind. Diese Bismarcktürme und -säulen stehen in Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile. Weitere 68 dieser Bauwerke, u.a. in Dänemark und Papua-Neuguinea existieren heute nicht mehr. Folgt man der Bismarckturm-Internetseite waren weltweit mindestens 182 weitere Bismarcktürme konkret geplant, aus verschiedenen Gründen aber nicht realisiert.
Die geografische Streuung ist faszinierend: Während es in Österreich einen einzigen Bismarckturm gibt, erweisen sich manche Standorte als echte Herausforderung für Foto-Sammler. So sind drei Exemplare weltweit extrem schwer zugänglich. Einer steht auf privatem Gelände am Kyffhäuser, ein anderer in Chile, ein nächster in Kamerun auf militärischem Sperrgebiet. Von einem Turm in Papua-Neuguinea ist nur mehr Text überliefert. Von dem aus Korallensteinen gebauten Bismarckturm in Tansania dagegen überdauert ein Mauerrest. Trotzdem ein mögliches Ziel für die nächste Fotoreise. Ob er irgendwann alle gesammelt hat? „Keine Eile“, schmunzelt Richy. „Es macht einfach riesigen Spaß, rumzukommen, die Gegend zu entdecken und die Architektur zu bewundern.“
Faszination „Götterdämmerung“
Besonders angetan haben es ihm jene Bismarcktürme, die nach dem Entwurf „Götterdämmerung“ als monumentale Feuersäulen errichtet wurden. Die Vorstellung, dass auf diesen Türmen einst die mächtigen Feuerschalen brannten, um zu bestimmten Gedenktagen den Nachthimmel in ein leuchtendes Spektakel zu tauchen, fasziniert ihn bis heute. Auch wenn die Feuerschale auf dem Wachtelbergturm bei historischen Umbauten in den 1970er Jahren weichen musste, strahlt das Dehnitzer Bauwerk inmitten des geschützten Naturschutzgebietes „Wachtelberg-Mühlbachtal“ mit seiner ganz eigenen, magischen Anziehungskraft. Richys Besuch beweist: der Geopark Porphyrland verbindet nicht nur Jahrmillionen alte Vulkan- und Erdgeschichte mit malerischen Naturlandschaften, sondern zieht auch Menschen an, die mit offenen Augen durch die Welt gehen und Kulturdenkmale mit Leben füllen.
Am Donnerstag vergangener Woche fing Richy noch seinen Bismarckturm Nr. 132 fotografisch ein. Insgesamt sah er in diesem Urlaub “vier Neue“. Ihn freut besonders, dass aktuell auch die Testversion eine Bismarckturm-App läuft. Dort kann er alle seine bisher bereisten Türme markieren. Statt eines Fähnchens oder einer Pinn leuchten kleine Flammen am jeweiligen Standort auf.

